Die Interviews

Claudia Paccosi hat für LA FONTE einige der Autoren interviewt, die am Festival teilgenommen haben. 
Lorena Pircher hat die Interviews für LA FONTE ins Deutsche übersetzt.



Interview mit Massimo Montanari: Die Geschichte hinter einem Teller Pasta


Massimo Montanari, Professor für Lebensmittelgeschichte an der Universität von Bologna, präsentierte Il mito delle origini - Eine kurze Geschichte der Spaghetti mit Tomatensauce (Wagenbach Verlag) – im Rahmen des italienischen Literaturfestivals La Fonte in Wien. Spaghetti al pomodoro – ein nicht nur im wörtlichen Sinne heißes Thema: Während die Italiener:innen einen Teller Pasta allen anderen Köstlichkeiten vorziehen, versucht der Rest der Welt herauszufinden, wie man sie auf die richtige Art und Weise zubereitet. Professor Montanari untersuchte die Ursprünge der international beliebten Spaghetti mit Tomatensoße und zeigt, warum das, was man uns immer erzählt hat, viel zu einfach für die komplexe Wirklichkeit ist


-In Ihrem Buch sprechen Sie über den Mythos der Ursprünge und darüber, dass das historische Ergebnis in

Wirklichkeit eine Summe aus verschiedenen Faktoren, unterschiedlichen Überschneidungen und diversen Begegnungen ist. Wien scheint in diesem Zusammenhang für mich die perfekte Stadt der Mischungen zu sein, vor allem was das Essen betrifft. Hätte ein Buch über den Ursprung des Strudels oder des Schnitzels zu ähnlichen Ergebnissen geführt?

Ich glaube schon. Ich denke, dass fast alle Rezepte - vor allem diejenigen, die im Laufe der Zeit sehr populär und zutiefst identifizierbar mit einer bestimmten Kultur oder einem Land geworden sind, aus einer Mischung von verschiedenen Produkten und Wissen aus unterschiedlichen Orten und Zeiten entstanden sind. Ich denke zudem, dass die Küchen besonders interessant und reichhaltig sind, wenn sie das Ergebnis von so vielen Begegnungen, so vielen Mischungen darstellen. Wien, in seiner Rolle eines multinationalen Imperiums, ist ein Musterbeispiel dafür.

-Warum interessieren sich die Österreicher:innen so sehr für Italien und die italienische Küche? Die meisten scheinen Italien und seine „typischen“ Nahrungsmittel zu lieben.

Ich denke, dass dieses Interesse von einer bestimmten kulturellen Nähe herrührt. Die Alpen teilen zwar, aber sie vereinigen auch. Eine facettenreiche gastronomische Kultur wie die österreichische kann unmöglich keine Anziehungskraft für die italienische Küche verspüren, eine Küchentradition mit dominierendem Charakter, welcher in ihrer Vielfalt wurzelt. Aber vielleicht würde ich anstelle von Anziehung vielmehr von Übereinstimmung sprechen - zwei reiche, dynamische Kulturen, die sich gegenseitig anziehen und faszinieren.

-Warum ist die Geschichte von Marco Polo, der Spaghetti aus China mitbrachte, eine falsche Darstellung, die schnell entlarvt werden muss? Liegt es daran, dass sie so tief in den allgemeinen (materiellen und geistigen) Überzeugungen verwurzelt ist? 

Fake News setzen sich durch, weil sie leicht, einfach und banal gestaltet sind. China war schon immer ein mystischer Ort, wo im Laufe der Jahrhunderte (wirklich) viele wichtige Erfindungen gemacht wurden. Auf der anderen Seite gibt es das - auch ein wenig märchenhafte - Bild des italienischen Kaufmanns, der die Welt entdeckt. Aber dieser Irrglaube, der 1929 von einer amerikanischen Zeitung (der Zeitschrift der Teigwarenhersteller) geschaffen wurde, war wie ein Märchen erzählt. Es ist merkwürdig, dass so viele daran geglaubt haben und immer noch glauben, obwohl Historiker:innen seit Jahrzehnten immer wieder betonen, dass die Geschichte nichts mit der Wahrheit zu tun hat. Marco Polo stieß in China natürlich auf Spaghetti. Und er erkannte sie wieder, denn sie wurden in seinem Land seit Jahrhunderten hergestellt. Auf jeden Fall ist dies kein Wettbewerb, wir sind nicht interessiert an einem Wettstreit. Die Italiener:innen haben „ihre“ Spaghetti, die Chines:innen haben „ihre“ eigenen. Sie sind einfach anders. Sie bestehen aus unterschiedlichen Rohstoffen, unterziehen sich unterschiedlichen Arten der Herstellung. Die Spaghetti aus China sind immer frisch, zum sofortigen Verzehr produziert. Nur in Italien hat sich eine Trockenteigwarenindustrie entwickelt (seit dem 12. Jahrhundert, also lange vor Marco Polos Reise).

-Warum braucht die Menschheit immer einen Ursprung? Warum muss man immer einen Mythos erfinden, der den Anfang an einen bestimmten Punkt setzt? Liegt es an unserer menschlichen Begrenztheit? 

Wir Menschen sind schwach, wir glauben nicht an uns selbst. Die Suche nach dem Ursprung von etwas liegt jedoch anderswo, zeitlich weit entfernt, und das verändert die Bedeutung unserer Dinge, als ob wir ihr eine größere Autorität verleihen wollten. Aber wir sollten uns bewusster machen, dass es immer wir sind, in jedem Augenblick unseres Lebens, dass wir entscheiden, wohin wir gehen und was wir tun wollen. Deshalb sind wir auch immer unterschiedlich. Die Veränderung ist Leben. Die Suche nach den Ursprüngen ist richtig, sie ist interessant, aber in diesen zeitlich und örtlich entfernten Ursprüngen sind wir nicht unbedingt wir, finden wir uns nicht unbedingt wieder. Es gibt sicherlich andere, die wir auf unserem Weg getroffen haben. Und wir Menschen sind auch dort, in den Ursprüngen, aber anders als jetzt. Der Ursprung ist ein Anfang, aber der Anfang erklärt nicht, wie sich die Dinge entwickeln. Es sind die Begegnungen, die es erklären.

-Diese Geschichte erinnert mich auch an den Ursprung des Croissants. Ist es wienerisch, wie es hier oft gepriesen wird, oder ist auch dies das Ergebnis einer Mischung von Teigen? 

Ich muss leider gestehen, dass ich das nicht weiß … Ich weiß jedoch, dass es auch hier einen "Ursprungsmythos" gibt, und ich denke, dass er wie alle Mythen eine falsche Konstruktion ist. Aber man müsste der Sache auf den Grund gehen, nachforschen, verstehen. Und das müsst ihr nun machen …

Interview mit Fabio Stassi: Sich mit Büchern heilen und mit Büchern leiden.

Fabio Stassi, ein Schriftsteller mit welchem ich meine Geburtsstadt teile, das graue und mittelalterliche Viterbo, hat im Rahmen des italienischen Literaturfestivals La Fonte sein neuestes Werk zu Vince Corso präsentiert: Uccido chi voglio (Sellerio 2020) / Ich töte wen ich will (Edition Converso 2022). Mit ihm habe ich über die heilende und zugleich zerstörerische Kraft der Geschichten, Erzählungen und der Literatur gesprochen.


Wir kennen uns bereits, wir kommen aus derselben Stadt und haben einige Zugreisen und eine Reise zu einer Bibliothek miteinander unternommen. Hast du auch im Flugzeug hierher geschrieben? Oder bist du mit dem Zug nach Wien gekommen? Weshalb glaubst du, gelingt es dir vor allem auf Reisen so gut zu schreiben?

Ich bin mit dem Flugzeug gekommen, aber um zum Flughafen zu gelangen, habe ich den Zug benutzt. Ich schreibe auch weiterhin im Zug, auch wenn ich in letzter Zeit leider damit aufgehört habe, denn ich studiere und durch die Corona-Pandemie habe ich viel Zeit zuhause verbracht. Ich musste mein Zimmer beinahe in einen Zugwaggon umwandeln; ich habe diejenige Ecke gewählt, die einem Zuginneren am ähnlichsten sieht. Ich habe immer im Zug geschrieben, ich habe niemals über ein anderes Schreibzimmer verfügt, ich habe nie einen Schreibtisch besessen; ich habe stets in Bewegung geschrieben.

Ich weiß nicht genau, ob es einen bestimmten Grund gibt, weshalb ich auf Reisen gut schreiben kann, sagen wir, ständig in Bewegung zu sein oder besser gesagt, an keinem Ort wirklich zu verweilen, sowie das Sich-zwischen-Orten-Bewegen, stellt für mich die perfekte Begebenheit, das perfekte Sein dar, denn im Grunde lebt  wer schreibt, aber auch wer liest, in einem wandelbaren, einem Zwischenort, einem prekären Ort. Du sitzt in einem Zugwaggon und schaust aus dem Fenster, dies symbolisiert für mich auch die Erfahrung des Lesens. Es beflügelt meine Gedanken, meine Vorstellungskraft, die Tatsache, nicht verwurzelt zu sein.

Seit Beginn der Pandemie habe ich mich sehr viel in einem Zimmer aufgehalten, das für mich ein bisschen zur Höhle von Geppetto, eine Grotte, geworden ist. Für mich stellte dies eine neue Erfahrung dar, vor mir nur eine Wand. Ich habe gehört, Paul Auster habe gesagt, dass er immer vor einer Wand schreibt, nicht vor einem Fenster. Ich habe eine Wand und einen sehr kleinen, schmalen Schreibtisch, denn die schmalsten Schreibtische helfen dabei, sich zu konzentrieren.

Ich habe aber auch wieder ein bisschen geschrieben, während ich hierher gereist bin, ich nutze diese Bewegung immer zum Schreiben, wenn es möglich ist.

Vince Corso, der Protagonist des Buches, welches du in Wien präsentiert hast, heilt die Menschen, indem er ihnen Bücher vorschlägt, die sie lesen könnten um ihre eigenen Probleme und Schwierigkeiten zu meistern. Mir fällt hierzu ein anderes Buch ein, das du für den Verlag Sellerio herausgegeben hast: "Curarsi con libri. Rimedi letterari per ogni malanno" (Original von Ella Berthoud und Susan Elderkin. Auf Deutsch mit dem Titel "Romantherapie" in Insel Verlag erschienen).  Die Thematik wiederholt sich. Fungieren die Bücher selbst als Medikamente (Pharmakon, ein Zusammenschluss aus Gift und Gegengift für die alten Griechen) für dich und geschieht es dir wirklich, dass du Bücher an Personen weiterempfiehlst, die ein körperliches oder mentales Problem lösen möchten?

Bücher funktionieren auch für mich wie ein Medikament. Sie sind Heilmittel, bedeuten aber oft auch Leid. Man schreibt sicherlich auch deshalb, weil etwas im Inneren nicht ganz in Einklang ist, weil man nicht weiß, auf welche Art und Weise man in dieser Gesellschaft den richtigen Platz für sich finden kann, oder zumindest wegen der Unannehmlichkeiten dieser Welt. Und vielleicht liest man auch gerade deshalb, aufgrund eines Gefühls des Wiederzusammensetzen-Wollens, des Heilens entgegen Unrecht, Zerbrechlichkeit und Vergänglichkeit.

Die Bibliotherapie war bereits vorher Teil meines Lebens: Ich gehöre einer südlichen Familie an, in der die Thematik der Krankheit sehr präsent ist. Heute können wir sagen, dass sich Unannehmlichkeiten und Schwierigkeiten jeglicher Art stark vervielfältigt haben, insbesondere für die neuen Generationen. Das Gefühl von Einsamkeit ist grausamer geworden, grausamer und auch ausgedehnter, auch das Gefühl von Unzulänglichkeit sowie Depressionen, Panikattacken und Angstzustände. Die Zeit in der wir leben, ist eine Zeit voller Angst.

Die Literatur thematisiert seit jeher den Verlust der menschlichen Spezies, sagen wir, dass dies heute mit erneuter Dringlichkeit fühlbar wird, aber im Grunde reicht es, den Beginn des wichtigsten Werkes unserer Literatur zu erfühlen: Die Geschichte des Manschens, der sich verirrt hat, der sich verloren hat. Und auch wir sind in dieser heutigen Zeit, so glaube ich, sehr verirrt, sehr verloren, einerseits aufgrund der Pandemie und ihren Folgen, andererseits durch das, was derzeit geschieht, es ist ein Gefühl von Bedrohung wahrnehmbar, ein Gefühl der Unsicherheit; wahrnehmbar sind die Ausbeutung der Zukunft und der Raub der Idee von einer besseren Zukunft sowie der Utopie eines neuen und erweiterten Horizonts. Eduardo Galeano, ein Schriftsteller, den ich sehr geliebt habe, sagte einmal, dass der Horizont dazu dient, um weiterzugehen, um einen Ort zu erspüren, zu dem man hinwandern kann, der einem eine Richtung weist. Wenn sie dir den Horizont wegnehmen, dann erkennst du, in welche Richtung auch immer du gehen wirst, die Sinnlosigkeit deines Gehens. Auch meine Figur, mein Protagonist sammelt extreme Orte, Orte, die sich an Grenzen befinden. Ich glaube, dass wir als Grenzgänger :innen am Abgrund und an den Schnittpunkten zwischen vielen Dingen leben, zwischen Fiktion und Realität, zwischen Wahnsinn und geistiger Gesundheit.


Im Buch beschreibst du eine magische Tür zwischen den Büchern und dem Leben. Manchmal, wenn ich lese oder schreibe, scheint es mir wirklich so, als hätte ich die Möglichkeit, in eine andere Welt zu springen und dort für einige Stunden leben zu können, in die Gedankenwelt von jemand anderem eintauchen zu können, mit den Beinen eines Kindes zu laufen oder ein Schiff zu lenken, das nicht das meine ist. Hast du dasselbe Gefühl?

Diese magische Tür gibt es wirklich: Sie befindet sich in Esquilino (dem 15. Stadtteil von Rom) in einer Villa des 17. Jahrhunderts, einer Villa von Alchimisten. Es gibt sehr viele Legenden, die sich um den Alchimisten Cagliostro ranken, der zu Weihnachten auf der Piazza Vittorio sitzt. Ich habe mir die Literatur immer so vorgestellt. Die Bücher sind eine magische Tür, durch welche man in einen anderen Ort wechseln kann. Und dies funktioniert so auch umgekehrt: Die Figuren aus der Literatur können auch in unsere Welt eintreten. Es ist eine Drehtür, nicht eine Tür, die sich nur in eine Richtung öffnet, zumindest ist es dies, was ich mir vorstelle.

Insbesondere in diesem letzten Buch über Vince Corso wollte ich genau diese Überlappung der Fiktion in die Realität, diesen Übertritt, in Szene setzten sowie die Invasion der Realität in die Fiktion, die Realität, die in die Fiktion überschwappt. Dies ist eine Thematik, die mir sehr am Herzen liegt und über die ich seit Jahren nachdenke. Zuerst habe ich mehr an das Fantastische geglaubt, an die fantastische Literatur, an die Fiktion, heute habe ich jedoch meine Zweifel.

Ich stehe der Fiktion nun misstrauischer gegenüber: Ich glaube, dass die Fiktion Propaganda jenes Systems darstellt; wir haben die Grenze zwischen Realität und Falschheit verwischt, denn alles ist heutzutage zu Fiktion geworden. Wir leben in einer Welt, die voller Fiktionen ist, von den Serien im Fernsehen über das Kino, aber auch in der Art und Weise, wie die Nachrichten berichtet werden, wodurch du nicht mehr in der Lage bist zu unterscheiden, ob ein Krieg ein Krieg ist oder eine inszenierte Darstellung desselben, ob eine Pandemie wahrhaftig ist oder eine Erfindung (wobei jedoch alles wahr ist).

Die Literatur kann helfen, die Realität auf bessere Art und Weise zu betrachten, mit offenen Augen, es ist nicht notwendig, sich zu entfernen, zu entfliehen, wobei dies kein schönes Wort ist. Du musst mithelfen um zu brennen, zu glühen, das zu lösen, was nicht gelingen will, das zu konfrontieren, was nicht funktionieren will. Es gibt keinen verwunschenen Garten, die Literatur tut manchmal auch weh. Für diese Erkenntnis funktioniert sie anstatt einer Heilmethode beinahe besser wie eine Impfung.


Worte können rettend wirken und zugleich auch bedrohlich sein. Kommen wir nochmals auf das Konzept des “Pharmakon” zurück. Inwiefern können Bücher schmerzen? Wann können Bücher und das, was sie erzählen, zur Gefahr werden?

Ich bin ein kindlicher Leser, der sich sehr stark in das hineinversetzt, was er liest, in das Abenteuer und in die Figuren. Zu erfahren, dass jemand anderes vor dir, auf andere Art und Weise, dieselben Dinge erlebt und durchlebt, die selben Schmerzen gefühlt, das selbe Gefühl von Desintegration und Dissoziation mit der Realität durchlebt und sich mit diesen konfrontiert hat, ist eigentlich tröstlich, kann aber natürlich auch schmerzen. Und obwohl das Leben schmerzt, ist es unmöglich, sich mit dem Leben nicht zu konfrontieren. Im Leben existiert die Krankheit, der Schmerz, die Einsamkeit, der Tod, der Mangel, die Nostalgie, der Verlust, das Verschwinden. Wir alle müssen dies akzeptieren und damit umgehen.

Es existiert zudem das Scheitern. Die Literatur berichtet über das Scheitern, eine der großen Thematiken des Lebens. Die Argentinier:innen sagen, “Niemand ist ein guter Argentinier/eine gute Argentinierin, ohne von einem großen Scheitern erzählen zu können”. Es ist nicht die Illusion einer Welt ohne Scheitern, ohne Krankheit, ohne Bosheit oder ohne Hass. Genau in diesem Moment fällt mir jedoch Kurt Vonnegut ein, ein Schriftsteller, der unglaublich schlimme Tragödien wie die Bombardierung Dresdens durchlebt hat und der Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug geschrieben hat. Er sagte immer, “Erinnere dich daran, glücklich zu sein”. Die Literatur ist auch eine große Hymne auf das Leben, das Schreiben ist ein großer Akt der Hoffnung. Es ist ein Akt der Hoffnung: Nichtsdestotrotz dass das Leben so komplex ist, ist es es wert, gelebt zu werden. Und somit sollten wir wieder damit beginnen, glücklich zu sein. Der Protagonist des Buches Ich töte wen ich will lernt, sich zu verlieren anstatt sich wiederzufinden. Wir leben in einer Welt, die sich schnell dreht und in der jeder und jede rasend schnell versucht, Lösungen auf effiziente Weise zu erreichen (insbesondere für sich selbst). Mit der Pandemie hat sich alles verlangsamt, auch wir selbst und viele von uns haben sich etwas verloren. Welche Schönheiten und welchen Nutzen birgt das Sich-Verlieren in sich? Für mich stellt das Sich-Verlieren eine der fundamentalsten und gleichzeitig der nützlichsten Erfahrungen dar. Wenn du dich verlierst, entdeckst du Orte, die du normalerweise nicht gefunden hättest. Ich glaube sehr fest an die Kraft des Fehlers, des Irrtums, auch im Akt des Schreibens. Ich glaube an den Akt des Thema-Verfehlens. Die interessantesten Thematiken entspringen aus den Seitenrändern eines Blatt Papiers, außerhalb dessen, worauf wir uns fixiert haben. Meiner Meinung nach sollte man ohne Kompass schreiben. Das Gefühl der Orientierung ist überheblich. Es stellt eine der vielen Überheblichkeiten der Menschheit dar. Die Pandemie hat die Dinge verändert. Zu Beginn hatte ich die Hoffnung, dass dieses Sich-Verlieren, auch dieses Sich-Entfernen von einer so stark von Egozentrismus und Narzissmus geprägten Dimension, welche in der Selbstbestätigung ihren Höhepunkt erreicht, auch eine Alternative darstellen könnte, eine Alternative, in der das Teilen und die Solidarität wieder wichtig sind, Worte und Konzepte, deren Bedeutung vakant geworden ist. Nun bin ich erneut etwas desillusioniert, denn jene, die bereits vor der Pandemie reich waren, haben ihren Reichtum in diesen zwei Jahren noch vergrößert und jene, die arm waren, wurden noch tiefer in die Armutsspirale gestürzt; es gab nicht jene gegenseitige Unterstützung, viel mehr, dieser heftige Kampf, der die Realität auszeichnet, und von welchem wir vergessen haben, ihn in Gang zu setzen, ist ein Klassenkampf, ein sozialer Kampf. Es gab selten ein derartig sozial ungerechtes Zeitalter, nicht einmal im Mittelalter, wo den Menschen, denen es schlecht ging, noch geholfen wurde; sicherlich mehr als heutzutage. Ich glaube mehr an die Menschen, die sich verlieren, die sich verirren, als an jene, die erklären, dass sie genau wissen würden, welchen Weg sie einschlagen, was ihr Schicksal darstellt. 

"Mastro Geppetto" (Sellerio Editore) ist dein neuestes Buch, 2021 erschienen. Was hat sich in diesem Buch verändert? 

Dieses Buch über Vince Corso war eine Art Brücke. Es war essentiell für mich, da es eine Annäherung an einen größeren Realitätsgehalt in der Literatur darstellt. Es endete mit einem Blinden, der Pandemien voraussagte (wobei ich dies schrieb, bevor die Corona-Pandemie ausbrach), da diese Art von Bedrohung bereits seit Langem in der Luft lag. Mastro Geppetto ist für mich hingegen das Buch, das ich immer geträumt habe zu schreiben, das Buch, das ich seit Kindertagen schreiben wollte. Es stellt für mich mein Lebenswerk dar. Es zeigt meine Art, über die Realität zu sprechen, auf, durch die Literatur, indem es sich auf das berühmteste Werk nach der Göttlichen Komödie beruft: Pinocchio. Es erscheint mir nämlich, als hätte das, was in diesen zwei Jahren geschehen ist, unsere Art und Weise, Bücher zu lesen, verändert. Bücher verändern ihren Sinn je nach Kontext (ein Wort das für Borges und Sciascia viel bedeutet). Ich erschrak zuerst, als mir die Intuition zu sagen schien, dass Pinocchio nicht existiert, dass er eine unbelebte Marionette, dass er nur ein Stück Holz sei. Die Geschichte hat sich jedoch vollkommen verändert. Sie stellt eine skandalöse Idee dar: Wir befinden uns nicht mehr in einem Zeitalter der Märchen. Es ist ein bösartiger Scherz, den sie an Geppetto, der ein kränklicher, alter Mann ist, begangen haben, ein zerbrechlicher und einsamer Mann, den sie glauben machten, dass Pinocchio zum Leben erwacht sei. Nur er glaubt daran. Dies scheint mir ein Schlüsselmoment zu sein, um dieses Zeitalter durch kanonische Charaktere zu erzählen, indem ich einen Antikanon kreiere. Der Geppetto, den ich im Buch beschreibe, ist ein neuartiger und auf dramatische Weise zeitgenössischer Geppetto. Dieses Buch liegt mir nun am meisten am Herzen, da ich darin alles vereine, alle Diskurse, die ich nicht in Worte fassen kann. Es ist die Zusammenfassung dieses Moments, den wir gerade leben, der sowohl die Literatur als auch uns Leser:innen betrifft.

Interview mit Mariasole Bianco: Wie man zu Held:innen des Ozeans wird und 71 % unseres Planeten schützt




Mariasole Bianco ist eine Heldin des Meeres. Sie liebt die Ozeane, lässt ihre Augen vom Schimmern ihrer blauen Oberflächen blenden und erforscht die Geheimnisse der Abgründe. Sie ist Meeresbiologin und bekannte Wissenschaftlerin aus Mailand, die ihre Heimat auf Sardinien gefunden hat, nahe dem salzigen Blau. Sie hat ihr Buch Planet Ozean im Rahmen des Italienischen Literaturfestivals La Fonte in Wien vorgestellt. Ich habe sie gefragt, ob auch wir es vermögen, in gewisser Weise kleine Held:innen des Meeres zu werden.




-Auf den ersten Seiten von Planet Ocean erzählst du uns, wie du dich in das Meer verliebt hast und nie die üblichen zwei Stunden nach den Mahlzeiten gewartet hast, bevor du wieder schwimmen gingst (dasselbe habe ich auch gemacht). Heute stellst du dein Buch in Wien Italiener: innen und Österreicher: innen vor, die die meiste Zeit des Jahres weit vom Meer entfernt leben. Vielleicht besitzt nicht jede und jeder eine so enge Bindung zum Meer. Wie können sie lernen, das Meer zu lieben, obwohl sie es selten sehen und wenig darüber wissen?

Auch dies ist Teil meiner umfassenden Bemühungen, Wissen über das Meer zu verbreiten: Ich organisiere viele Veranstaltungen in den Städten, denn es ist essentiell, dass die Menschen, wo auch immer sie sind, verstehen, dass ihre Existenz in gewisser Weise mit dem Meer verbunden ist. Von jedem Atemzug, den wir tätigen, stammt beispielsweise mehr als 50 % des Sauerstoffs, den wir einatmen, aus dem Meer, er wird von Mikroalgen, dem sogenannten Phytoplankton, produziert, die wie Bäume Photosynthese betreiben; es gibt Milliarden von ihnen, die in den Weiten des Ozeans leben, und ihr Beitrag zum Gesamtsauerstoffgehalt unserer Atmosphäre beträgt mehr als 50 %. Im Grunde genommen sind wir eigentlich mit jedem Atemzug, den wir nehmen, mit dem Meer verbunden, ebenso wie mit jedem Tropfen Wasser, den wir trinken: Wir wissen, dass der Wasserkreislauf durch das Meer bedingt ist. Das Meer reguliert das Klima und ist für Milliarden von Menschen eine fundamentale Lebensgrundlage, die von der Arbeit bis hin zum Essen reicht. Eine von fünf Personen ist direkt von Fisch abhängig, der als Hauptproteinquelle dient.

Der Untertitel meines Buches lautet: Unsere Existenz hängt vom Meer ab, die Zukunft des Meeres hängt von uns ab. Es ist von entscheidender Bedeutung, den Menschen verstehen zu helfen, dass unser Handeln auch in den Städten Auswirkungen auf die Gesundheit der Meere hat. Der nächste Schritt besteht darin, den Menschen darzulegen, dass jede:r von uns positive oder negative Auswirkungen darauf haben kann und dass es an uns liegt, zu entscheiden, auf welcher Seite wir stehen wollen; unser Einfluss muss nicht zwingend negativ sein. Die Idee ist, einen Wandel zu fördern: Jeder und jede von uns kann einen Beitrag leisten, indem er oder sie zum Hüter und zur Hüterin des Planeten wird und nicht länger ein/e bloße/r Nutzer/in sein, der/die immer nur nehmen will, ohne jemals etwas zurückgeben zu wollen.

-In deinem Buch zeigst du die Schönheit, die Geheimnisse und die Zerbrechlichkeit des Meeres. Würdest du uns vielleicht über jedes dieser drei Adjektive ein paar Worte erzählen? Warum ist der Ozean, der 71 % der Oberfläche unseres Planeten einnimmt, dermaßen schön, geheimnisvoll und zerbrechlich?

Der Ozean ist sicherlich schön, denn die Natur ist schön, sie ist in der Lage, uns eine Sichtweise zu verleihen, die uns ihre Komplexität, aber auch ihre Entwicklung verstehen lässt, und sie ist immer in der Lage, uns mit ihren Besonderheiten zu verblüffen. Mein Buch handelt in großem Maß von den Schönheiten der Welt, und für mich ist ein Teil des Weges die Bewusstwerdung der Menschen, die sich dann in Handlungen niederschlägt, aber dies geschieht zunächst immer durch Wissen. Sehr oft beschränken wir uns nur darauf, diesen großen blauen Schleier zu sehen, der 71 % unseres Planeten bedeckt, aber unter diesem Schleier existiert eine außergewöhnliche Welt, die 80 % aller lebenden Arten dieser Erde beherbergt und immer noch teilweise völlig unbekannt ist. Wir haben detailliertere Karten vom Mars und vom Mond als vom Meeresboden unseres eigenen Planeten. Glücklicherweise ändert sich dies bereits ein wenig. Als ich das Buch schrieb, war die Kartierung auf 5% beschränkt, jetzt sind wir bereits bei 20 % angekommen.

Die Schönheit des Ozeans spiegelt sich auch im Reichtum seiner Arten wider, angefangen bei den Meeresabgründe, die wir uns alle als dunkle Orte vorstellen, in denen jedoch das Licht die Oberhand behält und zu einer Sprache wird, die durch die Biolumineszenz und die Fähigkeit von 76 % der Meerestiere, ihr eigenes Licht zu erzeugen, entsteht. In meinem Buch beschreibe ich auch die hohe See mit den Schildkröten und das Sargassomeer, dieses Ökosystem und Gebiet, das lediglich durch Strömungen und nicht durch das Land definiert ist, dann das White Shark Café, das Weiße Hai-Café, ein Ort mitten im Meer, wo sich weiße Haie treffen, wobei man noch nicht herausgefunden hat, weshalb.

Wir erleben das Meer natürlich eher in der küstennahen Umgebung mit dem Korallenriff als Begrenzung. Ich wollte gerne ein mediterranes Riff als Beispiel nehmen, um aufzuzeigen, wie viel Leben es auf so engem Raum geben kann. Manchmal reicht es bereits, alles ein bisschen aufmerksamer zu beobachten. Und schließlich erzähle ich im Buch über die Pole und die riesige Artenvielfalt, die sie bevölkert.

Es ist eine Hymne auf die Wunder, die mit dem Bewusstsein für die Zerbrechlichkeit und die Probleme, die die Gesundheit des Ozeans beeinträchtigen, einhergehen. Es sind genau jene Problematiken, die uns von einem Ökosystem zum anderen führen: Das Plastik, das uns von der Tiefsee zur Hochsee überleitet, die Überfischung, die uns von der Hochsee zu den Küsten führt, und der Klimawandel, der uns schließlich zu den Polen führt. Und schließlich spreche ich noch über ein Thema, das in letzter Zeit leider nicht so viel Aufmerksamkeit erregt hat wie der Klimawandel, das aber genauso ernst zu nehmen ist und Hand in Hand mit dem Klimawandel geht: Der Verlust der Artenvielfalt.

Das Meer ist schließlich ein eigenes Mysterium, gerade weil wir so wenig über die Meeresböden wissen, obwohl sie einen Schatz für die Menschheit bergen, denn gerade dort ist das Leben unseres Planeten entstanden. Man muss sich vorstellen, dass die NOAA, die amerikanische Meeresforschungsbehörde, mit dem Jahresbudget der NASA 1600 Jahre lang arbeiten könnte.

Beim Lesen deines Buches kam mir die Netflix-Dokumentation Seaspiracy letzten Jahres in den Sinn. Diese hat mich zutiefst getroffen. Ich liebe das Meer und auch die Lebensmittel, die es uns schenkt. Der Dokumentarfilm bietet uns eine radikale Lösung an: keinen Fisch mehr zu konsumieren, um die Ozeane zu retten. Vertrittst auch du diese Ansicht?

Ich glaube nicht, dass der Verzicht auf Fisch eine Lösung sein kann, denn es ist eine Lösung, die sich überhaupt nur eine privilegierte Gruppe von Menschen leisten kann. Es gibt jedoch im Bereich der Nachhaltigkeit noch unglaublich viel zu tun. Seaspiracy hat einen großen Vorzug: Es ist durch den Film gelungen, ein Thema zu beleuchten, über das niemand sprach, nämlich die illegale Fischerei und die Überfischung. Andererseits wurden jedoch nicht alle Seiten der Medaille gezeigt: Es ist kein Dokumentarfilm, der zum kritischen Denken anregt. Ich denke, die Lösung liegt in einer gründlichen und präzisen Regulierung der Fischerei, die, wenn sie durchgeführt wird, gerade wegen der Ressourcen im Meer und der Leichtigkeit, mit der sich einige dieser Ressourcen reproduzieren (wir sprechen von einigen Arten, die einen Lebenszyklus von einem Jahr haben), uns wirklich unbegrenzte Ressourcen bieten würden. Es ist unbedingt notwendig, noch viel an der Nachhaltigkeit der Fischerei zu arbeiten, und wenn wir daran arbeiten, können wir ein Niveau erreichen, auf dem wir den Zusammenhang zwischen Proteinen aus der Meeresumwelt und der Lösung für die globale Hungerkrise erkennen können.

Eine sehr bedeutende Lösung, die der Dokumentarfilm vorschlägt, besteht darin, mindestens 30 % des Ozeans zu schützen. Wir müssen das Konzept annehmen, dass wir die Natur auf unserer Seite haben würden, als unseren größten Verbündeten mit einer enormen Regenerationsfähigkeit, wenn wir ihr durch Schutzgebiete Raum geben würden. Der Schutz der Meere ist ein integraler Bestandteil der globalen Strategie zur Nachhaltigkeit der Fischerei, weil wir den Ressourcen Raum zur Regeneration lassen müssen, indem wir Gebiete mit geregelten Aktivitäten ausweisen, in denen extraktive Aktivitäten wie intensive Fischerei oder Bergbau nicht erlaubt sind, auch weil Überfischung und illegale Fischerei insbesondere die soziale Komponente der kleinen handwerklichen Fischerei betreffen, die unter den Folgen leidet.

-Ein weiterer Dokumentarfilm, der mich berührt hat, war My Octopus Teacher. Braucht es solche Geschichten, die die Liebe der Menschen zum Meer und seinen Bewohnern zeigen? Braucht es Feinfühligkeit und eine friedliche Annäherung von Haut zu Haut (es kommt kein Neoprenanzug im Film vor), um die Geheimnisse des Ozeans kennen zu lernen und dabei mitzuhelfen, ihn zu retten?

Absolut, dies ist für mich der Schlüssel zum Erfolg. Es ist gerade dies der Weg, von dem ich vorhin gesprochen habe: Wissen, Bewusstsein und Handeln. Alles beginnt mit Wissen, denn wir respektieren und schützen, was wir lieben, und wir lieben, was wir kennen. Das ist einer der Gründe, warum ich mich für die Verbreitung meiner Arbeit eingesetzt habe, denn in der Umwelt des Meeres sind wir in einer defizitären Situation im Vergleich zur Umwelt auf dem Land: Die Menschen sehen nicht, was vor sich geht, sie beschränken ihre Sicht auf die Oberfläche.

Wenn in Borneo der Tropenwald gerodet und Palmölplantagen angelegt werden und Orang-Utans bei Bränden sterben, haben wir sogleich dramatische Bilder vor Augen, im Meer ist es leider schwer mit eigenen Augen zu sehen, was ein großes Schiff mit einem Schleppnetz anrichten kann. Wir haben also eine noch größere Verantwortung, wenn wir darüber berichten und die Öffentlichkeit durch unsere Worte und die Vereinfachung bestimmter Botschaften zu diesem Bewusstsein führen.

-In Planet Ozean sagst du, dass es immer noch möglich ist, das Steuer herumzureißen. Im Jahr 2015 zählte Origin dich zu den hundert Held: innen des Ozeans; wie kann also jeder von uns in seinem täglichen Leben ein kleiner Held: in für die Meere werden?

Im Moment bin ich etwas pessimistisch, denn ich glaube, dass die Menschheit in die genau entgegengesetzte Richtung geht, als in die, die sie einschlagen sollte, nämlich hin zu einer Strategie der Einheit und des Zusammenhalts. Das Meer könnte gerade der zentrale Teil davon sein, weil wir alle einen Ozean teilen, der unsere Länder verbindet, weil alle Ströme auf irgendeine Weise miteinander verbunden sind. Gemeinsam sind wir dafür verantwortlich, sie zu schützen. Dies ist ein grundlegender Ansatz zur Lösung der großen globalen Krisen; dies gilt sowohl für die Umwelt als auch für die Weltgesundheit.

Es gibt eine Regel: Man sollte nie das Ende eines Buches verraten. Nun, das Ende meines Buches ist allen Lösungen gewidmet, allen Lösungen auf staatlicher Ebene (die Einrichtung von Meeresschutzgebieten und die weltweiten Bemühungen, bis 2030 mindestens 30 % der Meere zu schützen, wenn wir die Produktivität und Funktionalität erhalten wollen). Schließlich zeige ich auch sechs einfache Maßnahmen auf, die jeder von uns im täglichen Leben ergreifen kann. Viele davon stehen in engem Zusammenhang mit einem verantwortungsbewussten Konsumverhalten, angefangen bei dem, was wir essen und wie wir uns fortbewegen, über die Energie, die wir erzeugen, und die Energie, die wir für unsere Haushalte wählen, bis hin zur Auswahl des Fisches, den wir essen, der ebenso saisonal ist wie Gemüse, und zur Lebensmittelverschwendung (in Europa werfen wir 30 % unserer Einkäufe weg). Wir müssen erkennen, dass jeder von uns etwas bewirken kann, und dürfen nicht glauben, dass unser Handeln nur ein kleiner Tropfen auf heißem Stein ist. In dieser Hinsicht bin ich sehr optimistisch, und das möchte ich auch weiterhin sein, denn das ist es, was mich antreibt, mein Bestes zu geben, wenn ich jeden Tag von Neuem meine Entscheidungen treffe.


Interview mit ZUZU: Über die einzigartigen Eigenschaften von Comics und über noch ungeschriebene Geschichten.


ZUZU präsentierte ihr Debütwerk, den Comic Cheese, im Rahmen des Festivals La Fonte in Wien. Ihr zweiter Graphic Novel, Giorni felici, befindet sich derzeit unter den Werken, die für den Premio Strega 2022 vorgeschlagen wurden. Während unseres Gesprächs erzählte sie mir, wie lange es dauert, bis ihre Geschichten zur Ruhe kommen, um sich anschließend in Text und Bild zu wandeln, und verwies auf das Potenzial des Comics, welcher sich von allen anderen Künsten unterscheidet.




-Dies ist das erste Mal, dass ich eine Comickünstlerin interviewe. Es ist sogar das erste Mal, dass ich jemanden interviewe, der/die jünger ist als ich. Ich glaube, ich werde langsam alt. Wie ist es denn, als junge Comickünstlerin zu einem Festival in Wien eingeladen zu werden?

Ich weiß nicht, wie es ist, eine junge Comickünstlerin zu sein; ich weiß nicht einmal, wie es wäre, keine zu sein. Um das zu wissen, müsste ich über die Wirkung nachdenken, die es auf mich hat, zu wissen, dass ich Leser: innen habe. Aber das Schreiben einer Geschichte ist an sich schon eine überwältigende Erfahrung, also versuche ich, glücklich und dankbar für das zu sein, was mir passiert, ohne mir zu viele Fragen zu stellen. Wie zum Beispiel die Möglichkeit zu hinterfragen, an einem Festival in Wien teilnehmen zu können.

-Im Comic Cheese, der auch ins Deutsche übersetzt wurde, nimmt der Körper eine sehr präsente Rolle ein. Unbehagen, Bulimie, Unsicherheiten. Oft zeigst du aber auch das Innere des Körpers und was aus ihm hervorgeht oder in ihm verschwindet, ihn auf surreale Weise deformierend. Stellst du dir so unser Innenleben und das, was unter der Haut geschieht, vor?

Der Körper, den man in Cheese sieht, nimmt von Zeit zu Zeit monströse und obszöne Formen an. Die Protagonistin möchte sich von ihm befreien, als wäre er eine schwere und fremde Last. Heute erkenne ich meinen Körper glücklicherweise als Teil meiner selbst an, und unter der Haut sehe ich keine Monster mehr, sondern mein Leben.

-Durch die Kunstform des Comics gelingt es dir, Gefühle und vor allem Übergänge auszudrücken, die in einem Film oder in der Literatur so nicht dargestellt werden können. Ich erinnere mich an die Augen der Protagonistin, die sich am Ende der Geschichte öffnen. Ist dies das Potenzial von Comics und Graphic Novels, das sie auch 2022 immer noch – wenn nicht sogar mehr denn je – relevant und aktuell macht?

Ganz genau! Comics haben einzigartige Eigenschaften, die nur ihnen eigen sind. Sie sprechen eine Sprache, die immer relevant sein wird. Ich glaube, wenn Comics einmal entdeckt werden, können die Menschen, die sich dafür begeistern, nicht mehr davon lassen, und ich hoffe, dass ihre Verbreitung und Bedeutsamkeit immer weiter wachsen wird.

-Ich habe gelesen, dass du daran glaubst, dass Bücher geschrieben werden, lange bevor man sich an den Tisch setzt und den Stift in die Hand nimmt. Sie werden im Auto mit Freunden geschrieben, in der U-Bahn, während man einen Film sieht. Es ist ein Konzept, das ich so noch nicht beschrieben gehört habe, das ich jedoch für zutiefst wahr halte (siehe meine mit Schreibpapier bedeckte Wohnzimmerwand). Aber da Cheese dein Debütwerk war, frage ich mich, wann du tatsächlich damit begonnen hast, es zu kreieren?

Cheese wurde in langen Sommernächten geboren, in denen ich imaginäre Lieben und Monster jagte und vor ihnen flüchtete. In der Gesellschaft von schlaflosen und ruhelosen Freunden wie mir. Ich rauchte zu viele Zigaretten auf leeren Magen und das Leben erschien mir schwarz-weiß. Aber es war trotzdem wunderschön, denn es war noch nichts (fest)geschrieben worden. Weder meine Zukunft noch dieses Buch.

-Und hier, in Wien, beginnst du schon damit, etwas Neues zu schreiben?

Das hoffe ich, aber diese Frage werde ich später zu beantworten wissen. Wenn eine Geschichte Gestalt annimmt, geschieht dies ohne Vorwarnung, und erst im Nachhinein kann ich teilweise erkennen, welche Reise sie in mir gemacht hat.



Interview mit Annalisa Strada: Geschichten und Worte für Kinder, die Lebenanfänger.

Annalisa Strada, Lehrerin und Kinderbuchautorin, präsentierte in Wien im Rahmen der ersten Ausgabe des italienischen Literaturfestivals La Fonte ihre neuesten Werke: I bislunghi e i biscorti (2021 - Nordsud edizioni), eine Geschichte die Vielfalt lehrt, und Il club delle nonne (2021 - Il battello a vapore), das über das Zusammenfinden von mehreren älteren Damen mit Superkräften berichtet. Ich habe Annalisa Strada interviewt und bin in die Welt einer Geschichtenerzählerin eingetaucht, die Kinder wie eine Anthropologin studiert und dadurch jene Geschichten auswählt, die sie ihnen erzählen möchte. Geschichten, die Rätsel und Wortspiele bergen und die den Leser:innen Hindernisse und Aufgaben stellt, die es zu überwinden und zu lösen gilt.



- Wie fühlt es sich an, junge italienische Leser und Leserinnen in Wien zu erreichen? Wie wichtig ist es für Kinder, die in einem anderen Land leben, Geschichten in ihrer Muttersprache zu lesen? 

Wenn man für Kinder schreibt, fragt man sich stets, was man ihnen erzählen könnte. Ihre Welt existiert parallel zu unserer. Als ich begann, als Lehrerin in der Schule zu unterrichten, war ich siebenunddreißig Jahre alt, fühlte mich noch jung, verließ aber nach den ersten fünf Unterrichtsstunden das Klassenzimmer mit dem Gefühl, sehr alt zu sein. Ich erkannte, dass jede Generation eine neue Welt mit sich bringt, mit einer anderen Perspektive und anderen Visionen als die der Erwachsenen. Kinder blicken mit unschuldigen Augen auf die Welt, ohne vorherige Erfahrungen, die als Filter dienen. Die italienischen Kinder, für die ich heute, in dieser Gesellschaft schreibe, sind Kinder, die wie so viele in einem anderen Land leben. Sie sind jene neuen Bürger und Bürgerinnen von neuartigen Nationen. Es gibt immer zwei verschiedene Möglichkeiten, vor denen ich beim Schreiben stehe: Die Sprache und der Inhalt, die Geschichte. Was die Sprache betrifft, muss stets versucht werden, verständlich zu schreiben, aber den Kindern dennoch einen Schritt voraus zu sein, es ihnen nicht zu einfach zu machen, damit das Lesen zusätzlich ihren lexikalischen Wachstum fördert. Wortspiele sind beispielsweise von grundlegender Bedeutung, da diese für diejenigen, deren Muttersprache nicht Italienisch ist, zu einem Rätsel werden können, das es zu entdecken und zu lösen gilt. Das Essentielle ist, dass die Kinder mitmachen, auch wenn sie nicht alles sofort verstehen. Nach der Pandemie beispielsweise zeigt die Mehrzahl von Kindern eine langsamere sprachliche Entwicklung: Es ist, als ob sie sich von sich selbst etwas entfremdet hätten. Dadurch unterscheiden sich die sprachlichen Fähigkeiten italienischer Kinder in Österreich nicht wesentlich von denen ihrer Altersgenossen und Altersgenossinnen in Italien. Was den Inhalt betrifft, so haben wir Schreibende uns die Frage gestellt, was wir den Kindern nach der Pandemie erzählen sollen. Die Antwort, die wir uns selbst gegeben haben, lautet: Wir sollten sie in andere Welten eintauchen lassen, sie in andere Orte begleiten. 

-Dein Werk, I bislunghi e i biscorti, hast du all jenen gewidmet, die versuchen, das Leben von einer anderen Seite her zu betrachten, und die zunächst glauben, dass sie dadurch einen Fehler begehen, bis sie erkennen, dass es eine neue Art und Weise darstellt, das Leben zu führen. Ein Buch wie dieses hätte mir vor einigen Jahren gut geholfen. Warum wird den Kindern heutzutage all jenes erklärt, das anders ist, warum wird mit ihnen viel über Vielfalt und Diversität gesprochen, aber früher nicht? 

Früher sprach man weniger darüber, weil wir in vielerlei Hinsicht weniger in der Lage waren, uns zu bewegen, mobil zu sein, über unsere eigenen Grenzen zu blicken. Ein Kind ist in jeglichem Fall ein Außenseiter, eine Außenseiterin, weil es in vielen Bereichen des Lebens ein Anfänger, eine Anfängerin ist. Kinder sind Neulinge im Leben. Ein Kind versucht, andere zu imitieren, ihnen ähnlich zu sein, weil es in der Welt akzeptiert werden will. Gespräche über Unterschiede, über Vielfalt sind von enormer Bedeutung, weil wir in einer dynamischen, sich permanent wandelnden Gesellschaft leben. Das Gefühl, gleich und doch einzigartig zu sein, wird zu jener essentiellen Klammer, die uns die eigene Identität schaffen lässt. Neue Fähigkeiten zu erlernen, bildet die Basis unserer Existenz: Ich hatte mir die rechte Schulter gebrochen, konnte sie hundert Tage lang nicht benutzen und musste daher lernen, die linke Hand zu gebrauchen, mir mit der linken Hand die Zähne zu putzen, mit der linken Hand zu schreiben, und schlussendlich erkannte ich, wie viele bedeutende und schwierige Dinge wir im Leben erlernt haben, einfach dadurch, dass wir uns in eine andere Lage versetzt haben. Ein anderes Mal stand ich mit einer guten Freundin vor einem Schaufenster, und ich blickte auf Sandalen mit einem sehr hohen Absatz. Ich sagte ihr, dass ich niemals in der Lage sein werden würde, mich darin gut zu bewegen, und sie erwiderte: Bei all dem, was du dir im Leben an Dingen angeeignet hast, glaubst du wirklich, dass das Tragen von Absätzen herausfordernd sein wird? Daraufhin habe ich diese Sandalen gekauft. Vielfalt ist in mancher Hinsicht sehr fordernd, aber sie ist eine notwendige und nützliche Herausforderung. Ich wollte bei dieser Begegnung zwischen den Bislunghi und Biscorti übertreiben, indem ich von einem Groll erzähle, der sich nicht in eine Konfrontation umsetzen lässt. Würden sie einander in ihrer Unterschiedlichkeit akzeptieren, hätten sie ein viel ruhigeres und interessanteres Leben, doch sie beharren stur auf ihren Gegensätzen. -Der Konflikt zwischen den Bislunghi und den Biscorti könnte auch auf Kinder zutreffen, die in Wien leben und mit anderen Lebensmitteln und "Gerüchen" als in Italien konfrontiert werden. Können Geschichten wie deine helfen, sich zu orientieren? Fragt man eine beliebige Gruppe von Kindern, welche Zeit der Woche sie am meisten schätzen, so werden sehr viele das Essen als gemeinsames Erlebnis mit der Familie nennen. Das gemeinsame Essen identifiziert sie in hohem Maße mit ihrem eigenen kulturellen Wissen. Kinder, welche im Ausland leben, werden sogar zweisprachig, was das Essen betrifft: Sie haben sowohl eine heimische Lieblingsspeise, essen aber auch gerne das lokale Essen in der Schule. Für sie ist es eine direkte und praktische Erkundung, der sie mit Neugier begegnen. Das Wundervolle an Kindern ist nämlich, dass sie keine Vorurteile haben, dass sie noch keine Zeit hatten, Denkkategorien aufzubauen, für sie ist alles eine Entdeckung. Der Begriff des Urteils entsteht immer dann, wenn wir versuchen, Unterschiede zu homogenisieren, um sie zu glätten. 

-Il Club delle Nonne ist ein Titel, der die Energie und das Potenzial von Großmüttern aufzeigt. Wie wichtig ist es für Kinder, sich mit Generationen zu beschäftigen, die weit von ihrer eigenen entfernt sind, und warum scheinen wir uns, je älter wir werden, immer mehr von anderen Altersgruppen zu entfernen? 

In diesem Buch sind die Großmütter zwischen 62 und 100 Jahre alt. Das übliche Bild einer Großmutter entspricht dem einer Disney-Frau mit grauem Haarschopf, die im Schaukelstuhl sitzt und Kuchen backt, während eine Mehrheit der heutigen Großmütter noch berufstätig ist und sich Zeit nehmen muss, um ihre Enkelkinder sehen zu können. Großeltern sind essentiell für Kinder, sie sind wie Eltern, nur ohne deren primäre Verantwortung. Sie sind begeistert von den neuen Leben, den Enkeln, das irgendwie zu ihnen gehört, auch wenn sie bereits ahnen, dass sie sich nicht lange daran erfreuen werden können. Die Kinder werden durch dieses Interesse motiviert, und wenn ein Großelternteil weiß, wie man als Großeltern funktionieren kann, findet der wirkliche Austausch zwischen den Generationen durch Geschichten in einem leicht märchenhaften Stil über ihre vergangene, so weit von der Gegenwart entfernten Welt statt. Danach geht die Beziehung verloren, da die Kinder die Welt entdecken und das Nest verlassen. Es ist zugleich fatal und ein Glück, dass diese Trennung stattfindet. -Annalisa, du bist Lehrerin und Schriftstellerin. In deinen Biografien heißt es oft, dass Lehren und Geschichtenerzählen zwei Seiten derselben Medaille entsprechen. Wie viel können Kinder aus Geschichten lernen und wie sollten diese in den Schulalltag integriert werden? Darf ich weinen? Vor zwanzig Jahren haben wir die Lesestunde aus der Schulroutine gestrichen .Jetzt gibt es große Prozesse der Wiedereingliederung des Lesens, aber wir sind immer noch Bedienstete einer etwas versteinerten Schule: Der Kanon in der Mittelschule lehrt zum Beispiel, dass die Genres darauf bestehen, alles auf gewisse Punkte zu reduzieren und zu trivialisieren, ohne mit der Realität übereinzustimmen. Andererseits hat das Lesen andere Kräfte, wir mögen Geschichten, wenn wir erkennen, dass sie über uns sprechen, wir uns mit ihnen identifizieren können. Lesen hat auch die großartige Wirkung, die Konzentration steigern zu können. In den Schulen, in denen ich tätig war, haben wir die Praxis eingeführt, zehn Minuten vor Unterrichtsbeginn zu lesen. Das bändigt unruhige Klassen, fördert die Konzentration und schenkt den Kindern einen einheitlichen Bezugspunkt


Interview mit Carlo Lucarelli: Das “schwarze” Genre und das, was nicht funktioniert

Carlo Lucarelli ist das Mysterium selbst, er ist gleichbedeutend mit Kriminalgeschichte, Verbrechen und Aufklärung; die Suche der Vernunft im Hintergrund eines Mechanismus, der sich verfangen hat. In Wien, im Rahmen des italienischen Literaturfestivals La Fonte, präsentierte er Der schwärzeste Winter ( Folio Verlag 2021), den neuesten Roman über den Ermittler De Luca. Ich habe ihm einige Fragen in Hinblick auf seine Beziehung zu Farben und die Figuren seiner Romane gestellt, die sich von der Geschichte zu emanzipieren scheinen.



Du erklärst, dass der Ermittler, Commissario De Luca, von Beginn an Fragen in deinen Gedanken aufblühen ließ. Eine Frage im Besonderen: Weshalb ist er erpressbar durch eine Tat, die er früher begangen hat? Und was genau hat er verbrochen? Geschieht es dir, dass die Figuren sich in ihrem eigenen Tempo in ihren eigenen Geschichten bewegen und dir die Macht entziehen? Ist es dir mit De Luca so ergangen? Musstest du schlussendlich das erzählen, was er dir vorgegeben hat?

 Vollkommen. Dies war eine Entdeckung, welche ich ab dem ersten Roman mit De Luca gemacht habe. Als ich Carta Bianca verfasst habe, hatte ich bereits eine relativ eindeutige Handlung im Kopf; an einem gewissen Punkt jedoch, versuchte meine Figur, diesen Handlungsfaden zu ersticken, er antwortete mir mit Gewehrschüssen, warf einen Koffer von sich, welchen er seit seiner Zeit bei der Partei besaß; im Koffer befanden sich Handgranaten und eine Pistole und er sagte: “Ab jetzt geht es nach mir: Carta Bianca”. Dieser Satz wurde dann zum Titel des Romans. Er war ein willensstarker und entschiedener Charakter, und auch sehr krude, gar faschistisch. Und ich hingegen hatte damit begonnen, über eine Figur zu schreiben, die Angst verspürt, die die Arbeit wechselt, weil sie Angst hat, dass sie nach dem Krieg in Schwierigkeiten stecken wird, zu Beginn wird ein Attentat verübt und er erschreckt sich sehr darüber. Als ich an diesem Augenblick im Roman ankam, als sie ihn töten wollten, hat mein Charakter nicht mehr das gemacht, was ich gedacht habe, er hat nicht mit dem Gewehr schießend geantwortet. Er ist geflüchtet und hat sich irgendwo versteckt, hat seine Kollegen angerufen. Eine Figur, die Angst hat, kann nicht das verkörpern, was ich mir erdachte; ab diesem Zeitpunkt hat sich mein Roman vollkommen verändert. Auch der Titel des Werkes ergab nun mehr Sinn. Ich habe in diesem Moment verstanden, dass die Figuren machen, was sie wollen, du kreierst sie, sie mit einigen kleinen Charaktereigenschaften versehend, was dies ist, was am meisten deine Neugier weckt, wobei die Figuren diese dann nähren und weiterentwickeln und dies stellt immer eine Überraschung dar. 

Für Der schwärzeste Winter hast du ein übervolles Ambiente gewählt: Bolognas Altstadt im Jahre 1944, das sich mit 500.000 Bewohner:innen und 22.000 Tierköpfen füllt (die Bauern bringen gerade eben ihre Herden mit sich). Es handelt sich um ein enormes Feld, unterhalb den Toren der Stadt, mit vielen verschiedenen Stimmen gefüllt, mit Problemen und Bedürfnissen. Dein Ermittler bewegt sich zu Fuß durch diese Umgebung, er führt Befragungen durch; und dadurch zeigt er die Barberei und die Grausamkeiten des Faschismus in dieser Situation außerhalb des Gewöhnlichen auf. Würdest du sagen, dass du darüber berichten wolltest, weil wir diese geschichtliche Periode bereits wieder vergessen haben? 

Vergessen/verdrängen wir, was passiert ist, und daher erinnern wir uns nicht mehr an die Parallelen, die sich geschichtlich mit der Gegenwart ergeben? Ich denke an die heutigen Lager von geflüchteten Personen. Dies ist eine schwierige Sache. Es ist die übliche Diskussion, die geführt wird: Die Italiener: innen sind ein an Kultur und Geschichte reiches Volk, aber arm an Erinnerungen, da wir alles wieder vergessen haben, was passiert ist. Immer wieder überrascht es uns, wenn etwas passiert, ohne darüber nachzudenken, dass gewisse Dinge bereits auf genau diese Art und Weise in der Vergangenheit passiert sind. Wir vergessen, weil es bequem ist, angenehm ist, zu vergessen, der anfängliche Antrieb ist meiner Meinung nach dieser: Es ist bequem, hässliche Dinge zu vergessen, denn somit kann man ein anderes Bild von sich erhalten und pflegen. Wir waren eine Nation und ein Volk, das brutal Kolonialismus betrieben hat, wir haben ab 1880 andere Völker kolonialisiert und unterdrückt und ausgebeutet, aber dies ist ein geschichtlicher Fakt, der völlig verdrängt, ausgelöscht wurde, diese Zeit wird im Schulunterricht ausgespart, nie unterrichtet, es kommt in den Schulbüchern nie vor, denn somit ist es uns möglich zu sagen, dass wir Italiener: innen anders sind und waren als alle anderen, wir sind jedoch genau gleich wie andere Kolonialisten wie Großbritannien oder Frankreich. Dasselbe gilt auch für den Faschismus: Wir vergessen so viele Dinge, die damals geschehen sind und die immer noch geschehen, weil es angenehmer ist. Ich führe hierzu gerne ein Beispiel an: Im Werk Der schwärzeste Winter stoßen wir genau auf eine solche Situation. Eines der Dinge, das uns zu verstehen hilft, wie wir solche wichtigen Fakten auf solch angenehme Art und Weise vergessen wollen, und dadurch gezwungen werden, gewisse Dinge zu wiederholen, ist beispielsweise die Kontinuität der Sicherheitsapparate, der Polizei. Die Polizei übte bereits vor dem Faschismus Taten aus, die eine faschistische Polizei verübt, es lag in ihrem sozialem Recht. Nach dem Krieg ist es immer noch eine faschistische Polizei geblieben, auch die Personen sind größtenteils dieselben geblieben; viele von ihnen haben dieselben Dinge gemacht, die sie auch früher gemacht haben. Dadurch ergaben sich die Jahreszeiten der italienischen Mysterien, der abtrünnigen Geheimdienste. Dies stellt nur ein Beispiel dar, wie angenehm es ist, all das zu vergessen, was geschehen ist und so zu tun, als ob alles gleich geblieben wäre um dann mit den gleichen Problemen wie einst konfrontiert zu werden. Der Kommissar De Luca ermittelt in diesem Buch in drei Mordfällen zu drei verschiedenen Verdächtigen. Du erzählst uns, dass du Krimis schreibst und liest um zu wissen, wie etwas ausgehen wird. Wer etwas verbrochen hat und weshalb. Einige sagen, dass Krimis sich vom Ende aus schreiben. Wenn du beginnst, deine Romane zu schreiben, (jene, die fiktional sind), weißt du dann bereits, wie sie ausgehen werden oder entdeckst du das im Prozess des Schreibens? Dies ist richtig, dies hat man früher einmal gesagt, vor allem galt dies für die klassischen Krimis. Du beginnst am Ende, denn von Anfang an weißt du, wer es war, wie er es gemacht hat, dann machst du einige Schritte zurück um alle Indizien und Hinweise zu verwischen. Aber dies gilt eher für den altmodischen Krimi von früher. Für mich ist es anders, denn ich habe es nie geschafft, wirklich so zu arbeiten, die Figuren beginnen einfach damit, das zu machen, was sie wollen und ich habe keine Ahnung, was am Ende passieren wird. Am Anfang beginne ich damit zu denken, dass ich einen Roman mit einer Art Gliederung schreibe, dann, während ich darüber nachdenke, beginnt eine große Lust, zu schreiben und ich beginne, den ersten Teil zu verfassen, während ich darüber reflektiere, dann halte ich inne und überdenke alles erneut. Und dann steigert sich dies beinahe in einen unbändigen Eifer zu schreiben, weil immer wieder andere Dinge passieren. Also schreite ich Schritt für Schritt voran. Bei diesem Roman hier hatte ich keinerlei Vorstellung, wie er enden sollte. Ich habe die ersten Ideen hineingewoben, danach bin ich Seite für Seite fortgeschritten, hoffend, dass ich am Ende zu einer guten Idee gelangen könnte, die dann auf irgendeine Weise ihr Ende finden würde. Dieses Ende kommt zum Glück immer irgendwann, auch wenn es manchmal ein bisschen dauert. Mit vielen Romanen, die ich verfasst habe, ist es mir passiert, dass ich auch für drei Monate nichts anderes machen konnte als die weiße Wand vor mir anzublicken, wo ich alle Post-its und Notizblätter mit allen aufgeschriebenen Szenen befestigt hatte, mich fragend: Und was mache ich nun? Wie beende ich dieses Werk? Dann, bis zum Schluss, bahnt sich immer etwas den Weg aus meinem Inneren. Wie ein griechisches Sprichwort sagt: Die Schriftsteller:innen fertigen entweder Skizzen und Notizen an oder sie tun es nicht. Ich gehöre zu jener Kategorie, die “keine Notizen oder Gliederungen anfertigen”. Inzwischen habe ich verstanden, dass ich einfach so bin, so arbeite, es mir so besser gefällt. 

In den Büchern über De Luca spielst du mit der Handlung. In deinen neuesten Podcasts und im Fernsehen erzählst du von Geschichten, die auf wahren Begebenheiten basieren. Ist es besser, fiktiv oder realistisch zu arbeiten? Manchmal erscheint die Wahrheit absurder als das, was man erfinden könnte, oder? Und das Genre des Krimis, oder die Entscheidung, aus einem kriminalistischen Sichtpunkt Geschichten zu erzählen, könnte dies den Versuch darstellen, die Realität zu konfrontieren, indem man sie mit kritischem Auge beobachtet? 

Es ist wahr, dass die Wirklichkeit die Fantasie übersteigt, aber dies nur bis zu einem gewissen Punkt. In dem Sinne, dass die Realität stets die Fantasie überstiegen hat, ist zu sagen, dass wir nicht jene sind, die die Sachen erfinden, wir schreiben und inszenieren die Mechanismen, die der Realität entsprechen. Viele Male schreiben wir über etwas, das in der Wirklichkeit passiert ist und das unsere Fantasie anregt, andere Male schreiben wir über Dinge, die noch nicht passiert sind, aber nur deshalb, weil sie uns nicht aufgefallen sind. Ich mache gerne ein Beispiel dazu: Ich habe einen Roman geschrieben, der Falange armata heißt, ich habe ihn während jener Zeit geschrieben, als die Uno Bianca in Bologna die Stadt kontrollierte, zwischen den 80er und 90er Jahren. Eine Gruppe von Kriminellen, die Bologna unsicher machten, als ob wir uns in Los Angeles befänden, schoss auf die Carabinieri, brachte Zeug:innen um, es war wirklich eine düstere Zeit für die Stadt. In diesem Fall könnte man denken, dass die Wirklichkeit die Fantasie überstiegen hätte, die Fantasie wäre Bologna noir gewesen, ein Bologna wie Los Angeles, die Wirklichkeit lässt es uns sehen. Also habe ich gedacht: Ich übersteige die Realität. Mit meiner Fantasie erfinde ich einen Fall, der besagt, dass zwei Polizisten als Köpfe der Bande Uno Bianca agieren. Zwei Jahre später wurden sechs Polizisten der Quästur von Bologna verhaftet. Dies war etwas, das bereits passiert war und von dem wir jedoch erst später herausgefunden haben, dass es geschah. Die Wirklichkeit überschreitet stets die Fantasie; wenn die Fantasie sich überlegen glaubt, dann liegt das nur daran, dass sie die Wirklichkeit noch nicht kennt. Über diese Dinge zu schreiben ist, als ob man jene Mechanismen ins Rampenlicht rücken würde, die nicht funktionieren, es ist ein Mord geschehen, es gibt ein Rätsel aufzuklären, also handelt es sich stets um eine anklagende Literatur. Wir Kriminalautor:innen sind jene, welche Nervensägen sind, während den autoritären Regimen waren es die Genres des Kriminalromans, die entweder verboten wurden oder einverleibt und für andere Zwecke ausgelegt und benutzt. Wir beschreiben die kranken Systeme der Wirklichkeit, schreiben über die Dinge, die nicht funktionieren. Und am Ende erzählen wir wahre Geschichten. Während deiner Karriere hast du immer über unterschiedliche Medien deine Geschichten erzählt: über Romane in gedruckter Form, über das Radio, das Fernsehen. Heute gibt es ein neues Medium, den Podcast, der weitgehend die anderen Medien dominiert. Was hat sich in der Literatur verändert, zwischen Podcast und klassischer Erzählung? Und inwiefern und bis zu welchem Grad beeinflusst die Literatur/das Schreiben des einen Mediums das jeweils andere? Was mich betrifft, ist es nicht viel anders. Jetzt gerade gibt es diese wunderbare Sache des Podcasts, es ist ein Mittel, das es dir ermöglicht, was auch immer zu erzählen, welche Art von Geschichte auch immer, ohne das Genre differenzieren zu müssen. Wir machen Podcasts über alles, auch über Sanremo. Für mich gibt es keine großen Unterschiede, da es mir nicht wirklich möglich ist, viel anderes zu machen, als ich jetzt mache. Ich erzähle in narrativer Form, auf mysteriöse Art und Weise und was auch immer ich mache, ist am Ende genau dies. Ich mache es immer wieder und habe auch bereits mehrere Podcasts darüber gemacht. Apnea über die Costa Concordia, In compagnia del lupo über die Fabeln und Legenden, Nero come il sangue mit Massimo Picozzi, aber am Ende kommt all dies von den Dingen, die ich vor der Belletristik schrieb, für die Erzählung, für das Buch. Meine Art und Weise zu erzählen bleibt dieselbe, anstatt dies durch das geschriebene Wort zu machen, erreiche ich dies, indem ich es direkt lese. Ich sehe darin keinen großen Unterschied. Ich muss sagen, dass ich so immer über alle Medien gedacht habe. Ich ging zum Fernsehen und machte dasselbe, das ich auch in den Büchern gemacht habe. Es ist klar, dass dir sowohl das Fernsehen als auch der Podcast neue Blickwinkel und neue Vorteile eröffnen, das Fernsehen ermöglichte mir, dass, mit meinen Worten, auch mein Gesicht gezeigt wurde, sodass das wahre Dokument, das Interview, übermittelt wurde. Es übertrug eine Kraft der Wahrhaftigkeit und Authentizität bezüglich dem, was ich berichtete. Im Podcast hat man die Möglichkeit, die Stimme zu nutzen, es gibt nur dich und deine Stimme, die dir zuhört und es gibt nur deine Stimme und die Ohren der anderen. Es ist eine Art von schwarzer Stille, in welcher die Stimme herrscht. Es gibt nichts anderes, alles scheint konzentrierter und dichter zu sein. Es muss dann auch beobachtet werden, wann genau ein Podcast angehört wird. Wenn ich ein Buch schreibe, dann weiß ich, dass mein Leser, meine Leserin eine Person sein wird, die konzentriert vor dem Buch sitzen wird, der Podcast hingegen wird im Auto angehört, während der Arbeit, dies ist bedeutend. Man muss sich dessen bewusst sein, dass es in diesem spezifischen Kontext und dieser Umgebung angehört wird. Mir passiert es, dass ich Sachen anhöre, während ich im Auto bin, während ich lenke, bei Tag, alle Autos vor mir, und dennoch, wenn ich Geschichten anhöre, dann formt sich in meinem Kopf ein Raum im Dunkeln, wo wir alleine sind, ich und die Stimme. Als ich über Krimis redete, bei der Sendung von Radio Deejay, war ich es und mein Deejay vorne, der mich aufnahm. Mir erschien es stets, als existierten nur ich und das Mikrofon um zwei in der Nacht, wir zwei und aus. Ich hatte eine Schnitteinstellung gewählt, die nur mein Gesicht und das Mikrofon einrahmte. Es glich einem Film, dem I guerrieri della notte, wo ein Mikrofon inszeniert wird und man sieht nur die Lippen der Frau und den Beginn des Mikrofons. Danach ging ich nach draußen und es war bereits zwei Uhr am Nachmittag. 

Die letzte Frage die ich stellen möchte, bezieht sich auf die Symbolik der Farben. Der schwärzeste Winter wurde 2020 veröffentlicht und heute sprechen wir davon, dass es sehr düstere Tage für alle von uns sind. Ich denke hierbei auch an deinen Podcast “Nero come il sangue”. Dieser dunkle Farbton, der hierbei auch das Genre unterstreicht, dem ein Buch angehört, il noir, wiederholt sich des Öfteren in den Titeln der letzten Jahren. Weshalb sind deine Erzählungen nun vom Dunklen gefärbt, sind Kriminalromane geworden, und vorher waren sie noch Blau, das heißt primär Erzählungen? 

Ich erinnere mich hierbei an “Blu notte”. Im Grunde kann eine Nacht doch mit verschiedenen Farben erzählt, gemalt werden, sie kann tiefblau, sternenklar, dunkel oder tiefschwarz sein? Das “Schwarz”, das symbolisch mit dem Krimi verbunden wird, verbindet sich hierbei mit seinem Genre. Einst wurden Krimis in Italien als “gialli” bezeichnet, aber dies war pure Willkür und dann Konvention. Dasselbe gilt für die schwarze Farbe. Der Krimi hat sich in eine andere Richtung hin entwickelt, die namensgebend war: “il noir”. Dies kommt aus dem Französischen, von Büchern, die von Verbrechen und von Mysterien erzählen. Wir aus einer westlichen Kultur assoziieren die Farbe “Schwarz” mit vielen verschiedenen Dingen, mit Begräbnissen, Mysterien, mit Nacht und Angst. Dies ist der Grund, weshalb wir die Farbe schwarz mit Krimis verbinden: Sie vermitteln eine mysteriöse und beunruhigende Atmosphäre, und dies löst auch das schwarz aus. Dies jedoch beruht alles auf Konventionen, denn die Farbe “schwarz” kann für viele andere Dinge stehen. Meine Frau ist Eritreerin, sie ist Schwarz. Einmal, als wir uns gerade kennenlernten, fragte sie mich, was mein Beruf sei und ich sagte: Ich bin ein Autor des “noir”. “Was bedeutet “noir””? fragte sie mich. Ich begann folgende Dinge aufzuzählen: “Der Tod, Begräbnisse, Verbrechen, Angst”. An einem gewissen Punkt sagte sie: “Warum stehen alle diese schlimmen Dinge mit so einer schönen Farbe in Zusammenhang”? Sie hat Recht. Wir aber assoziieren schwarz mit jenen traurigen Dingen. Ich bin fast immer in schwarz gekleidet, denn bereits seit meiner Jugend war ich ein Punk, ein bisschen “dark”. Mir gefiel dieser begräbnisartige Aspekt. Dann, als ich Krimiautor wurde, wurde die schwarze Kleidung beinahe zu einem Bühnenoutfit. Aber all dies ist nur pure Konvention. Ab einem gewissen Zeitpunkt schrieb ich Romane, die mit der Farbe “blau” assoziiert wurden, Blu notte, Mistero in blu und viele weitere Dinge. Ich schrieb jedoch auch einen Roman, der den Titel Almost blue trug, welcher aufzeigte, dass blau eine wunderschöne Farbe ist. Der Roman handelt von einem blinden Jungen, der die Namen der Farben spürt und sie interpretiert: Blau ist wunderschön, grün hässlich, da das “r” in grün so sehr kratzt, Sachen die brennen, sind folglich grün. Aufgrund der Tatsache, dass ich Almost blue geschrieben habe, ein Titel, der von einem Lied von Elvis Costello und Chet Baker stammt, das das Blau als Farbe besingt, die Traurigkeit und Melancholie evoziert, haben wir, ich und jene unserer Schule, ein neues Konzept erarbeitet: Das Blau wird zu Schwarz, das die Beunruhigung, die Angst, das Mysterium, verbunden mit einem Hauch von Melancholie symbolisiert. Soweit zur Farbe blau. Zu dieser Zeit hätte ich gesagt, dass ich “blaue Romane” schreibe. Nun sind wir wieder bei der Farbe schwarz angelangt. Laut unseren Konventionen strahlt sie Angst, Beunruhigung, Mysterium und Ungereimtheiten aus. Aber wir erweisen dieser Farbe einen sehr schlechten Dienst, einer Farbe, die ohne jede Schuld ist